Screen Split
von Marian Freistühler, Mai 2016
im Rahmen der Ausstellungsreihe „FOLGENDES“ mit einer Installation von Clara Alisch und Kevin Westphal


                                       
ANFANG

Über die allseits bekannte Bedeutung smarter Technologie in unserem Alltag, die selbstredend auch eine intensivere künstlerische Auseinandersetzung mit ihr verlangt, muss ich nicht viele Worte machen. Sie begleitet unseren Körper nahezu permanent und ergänzt, erweitert seine Fähigkeiten in mehr oder weniger dringenden Fällen. Sie macht uns zu paradox agierenden sozialen Wesen insofern, als sie unsere Aufmerksamkeit dem Hier und Jetzt abringt und auf eine räumliche Distanz überbrückende soziale Interaktion umleitet. Bei dem Körperkünstler und -modifizierer STELARC heißt es: „Information ist die Prothese, die den veralteten Körper abstützt.“ Seine These, der menschliche Körper sei dem Informationszeitalter nicht mehr angemessen und suche dies mit der Überversorgung an Informationen zu kompensieren, führt zu der Frage, welche Rolle unser Körper heute bei der Kontaktaufnahme mit unserer mittelbaren wie unmittelbaren Umwelt spielt.


THEMENFELD I: AUGE, HAUT UND OBERFLÄCHE

Hier wäre zunächst zu bemerken: Unsere Bewegungen in realen Räumen werden zunehmend um solche in virtuellen ergänzt. Die an Bushaltestellen und Co. zu beobachtende und bereits angedeutete Aufmerksamkeitsverlagerung weg vom Hier und Jetzt mithilfe unserer mobilen Portale in die virtuellen Weiten des Webs entgrenzen den Körper in seinem Aktionsradius. Entorten ihn als physische Materialisierung unserer Anwesenheit, wenn man so will.


Auf den ersten Blick scheint der Körper mit all seinen Sinnen und Wahrnehmungspotenzialen bei der Bewegung durch virtuelle Räume auf den Augensinn beschränkt zu sein. Wir starren gebückt auf Screens. Starren und –  wischen. Am Touchscreen veranschaulicht sich wunderbar das Spannungsfeld zwischen virtueller Ungreifbarkeit einerseits und physischer Haptik andererseits. Der quasi immaterielle Augensinn wird um das Tasten ergänzt. An der Schnittstelle zwischen Finger und Screen wird jetzt die konkrete Grenze des Menschenleibs zu seiner Umwelt einerseits sichtbar: die Haut. Sie ist das Organ, das uns gleichzeitig abschirmt, schützt und in Kontakt treten lässt. Andererseits wird die beschriebene Entgrenzung des Körpers anschaulich, die „Überwindung der Haut“, möchte man noch einmal mit Stelarc sprechen, weil die physische Berührung nach einem virtuellen Raum greift, den der Bildschirm als Oberfläche, als wandelbare Haut, darstellt.

Die Haut als Medium unserer Innenwelt und die berührungssensitive Maschinenoberfläche als Medium virtueller Räume treten miteinander in Kontakt. Wir haben es mit einem Zusammenspiel der Oberflächen zu tun, die eine Interaktion beschreiben. Wir erwarten eine Reaktion auf unsere Berührung und reagieren auf jedes Aufleuchten oder Vibrieren.

Umso einschneidender, wenn die Oberfläche als Medium scheitert, ihren Dienst verweigert, defekt ist – Screensplit. Das ehedem transparente Fenster in die Virtualität zieht unseren Fokus dann auf sich selbst. Wird zu einer für den Moment unüberwindbaren Schwelle, betont unfreiwillig seine Existenz als Material. Untouchable Screen. Der Unberührbare, der die Interaktion aufgegeben hat, das Ende der Beziehung. Das Schwarz hinter der Scheibe ist kein Versprechen mehr auf unendliche Varianz. Was jetzt hinter den Scherben liegt sind Leiter und Platinen statt Freunde und Informationen, sind keine sozialen, sondern elektrische Kontakte. Wenn die Benutzeroberfläche versagt, wird das Innenleben der Maschine relevant. Die Operation beginnt. Selbstredend braucht es dafür mehr als Imbus und Schraubenschlüssel, hier wird an der Materialität des Immateriellen geschraubt. Hashtag PrecisionKnifeKit. Oder, in aller Nüchternheit betrachtet: Es sind Werkzeuge, die ein Werkzeug reparieren.


THEMENFELD II: SPIRITUALITÄT UND STROM

Die apple-interne Bezeichnung für Steve Jobs lautete ‚iGod‘. Nicht nur, weil er alle Fäden in der Hand hielt, sondern auch, weil er einen Trend etabliert hat, der unsere Beziehung zu elektronischen Konsumgütern maßgeblich prägen konnte. Denn die Marketingstrategie und Designlinie Apples haben uns glaubbar vermittelt, dass wir hier mehr als ein Werkzeug erwerben – eine ganzheitliche Produkterfahrung nämlich. Apple kaufen ist Taufen – ein Bekenntnis, nicht nur zu Steckern, die in nichts anderes passen.

Die große Geste Apples haben mittlerweile alle Konkurrenten adaptiert. Die zunehmende Nähe der Smart Devices zu unseren Körpern, die Intensität und Intimität unserer Beziehung zu ihnen lassen ihre Mystifizierung nur logisch erscheinen. Die spirituelle Komponente des Begriffs „Medium“ obsiegt über die technische. Erneut liegt die Konzentration hierbei vielmehr auf der Oberfläche als dem leistungsspezifischen Innenleben der Geräte. An der Oberfläche des elektronischen Werkzeugs also entfaltet sich ein objektophiler Spiritualismus, der keine rationalen Gründe mehr, sondern emotionale hat. Das Auspacken/Entkleiden, das Aufwecken, das Berühren. Dort ist die Marke am stärksten, wo sie das Produkt einer Apotheose gleich überhöht und Teil eines größeren Ganzen werden lässt. Wenn Touch auch „unantastbar“ meint und der Benutzer eine nicht quantifizierbare sinnliche Erfahrung macht.

Es ist, kaum überraschend, nicht vorgesehen, das Produkt in seiner Entität zu verletzen, unter die Oberfläche zu schauen. Akkuwechsel übernehmen fremde Dritte, denen man das Gerät postalisch für eine kurze, aber immer zu lange Dauer anvertraut und von denen das Smart Device zurückkehrt wie ein Familienmitglied aus der Kur. An dieser Stelle bietet sich ein kleiner Exkurs zum Warten an. Denn nicht nur im Falle einer Reparaturpause warten wir auf das Gerät – unsere permanente Erreichbarkeit impliziert auch eine permanente Erwartungshaltung, ein ständiges Kontrollieren potenzieller Ankünfte von Nachrichten, von der Info, dass unsere Nachricht gelesen wurde usw. Im Hinblick auf die Logik der Gabe oder des Geschenks wird es hier weihnachtlich. Insbesondere, wenn wir ein Gerät online erwerben und auf seine Ankunft (lateinisch „Adventus“) warten. Aber eben auch, das wollte ich zeigen, im Kleinen, in der täglichen Benutzung. Jede Pause, jeder Entzug wird den Genuss danach steigern. Und so wäre auch ein durch einen Defekt aufgezwungenes Innehalten eine wertvolle Erfahrung, die das Danach aufwertet. Exkurs-Ende.

Jetzt frage ich mich, wie sich unsere Beziehung zum Produkt verändert, wenn wir selber Hand anlegen. Sicher lernen wir es auf eine andere Art und Weise kennen und widmen uns ihm mit der Besorgung des notwendigen Know-Hows ganz und gar. Vielleicht stellt sich der Backmischungs-Effekt ein und wir bekommen das Gefühl, selber an der (Wieder-)Geburt des Produktes beteiligt zu sein. 


THEMENFELD III: ICH UND ICH UND ICH UND DIE ANDEREN

Soziologisch en vogue ist, glaube ich, die in der Tradition Lacans stehende These, dass es für die Konstitution des Selbst des Blickes der anderen bedarf. Eine nach außen gewandte Selbstkonstituierung also, in der sich das Subjekt durch Abgleichen und Interagieren mit den anderen permanent seiner selbst vergewissert. Dass Hannelore Bubitz anschaulich von der Anwesenheit des Selbst und der Anderen in „immer neuen Facetten medial reflektierter Oberflächen“ spricht, führt uns zurück zu unserem Screen. Denn unser nach Lacan für die Selbstkonstitution wesentliches Spiegelbild, das uns im ausgeschalteten Zustand in ihm begegnet, wird im Moment des Einschaltens von unserem online agierenden Selbst abgelöst. Erneut treten der konkrete Körper und sein Avatar in ein Spannungsverhältnis. Der Spiegel, der zum Screen wird und der Screen, der zum Spiegel wird sind ein ebenso banales wie frappierendes Beispiel für die Selbstkonstitution, die sich am Smart Device als mediale Schwelle in virtuelle Räume bzw. zu anderen Menschen vergegenwärtigt. Umso interessanter, wie der dem Hier und Jetzt Entrückte das Tablet bedient, umso logischer, dass es im Falle zB eines Defektes die Beschäftigung mit dem eigenen, physischen Material verlangt und umso schöner, dass wir heute Abend hier zusammen sitzen/stehen/liegen.

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