Wann ist eine Bewegung interessant?


Dann, wenn sie nicht Mittel zum Zweck einer dramaturgischen Fortbewegung ist, sondern als solche interessiert. Wir gehen immer davon aus, dass die Menschen in Filmen so handeln wie wir im Leben handeln. Das sollten sie aber nicht müssen. Nur die Realitätsverschiebung ist interessant. Truth of illusion statt illusion of truth. Das zunächst Rätselhafte ist, was uns interessiert. Und wir sind gewillt, im Film alles zu glauben, wenn es konsistent ist, wenn die Figuren darin eine Haltung haben.

Ich möchte etwas gezeigt bekommen. Ich will aber gleichzeitig nicht das Gefühl haben, dass es nur passiert, um mir etwas ganz Bestimmtes zu zeigen. Viel interessanter ist die vermeintlich funktionslose Bewegung. Ihr Sinn aber muss aus dem Spieler kommen, muss spürbar nicht nur von außen inszeniert sein. Es muss eine Spielfreude und ein Interesse geben, eine Eigenheit im doppelten Sinne. Das heißt auch, dass Schauspieler nie nur formbares Material für mich sein dürfen. Im Gegenteil müssen ihre Macken bzw. alles, was sie auszeichnet, den Film formen. Sie dürfen also bloß nicht zu wandelbar sein. Und gleichzeitig alles spielen wollen.

Mein Interesse gilt der konkret-individuellen Ausführung eines Bewegungsaktes (und Sprechaktes!) durch einen bestimmten Körper – die Selbstverständlichkeit, die sie besitzt oder aber die dabei entstehende Reibung. Das heißt: es muss immer darum gehen, eine ganz eigene Interpretation der Bewegung (und des Sprechens) durch die jeweiligen Körper zu begrüßen (dabei kann es sich auch um eine ganz simple Bewegung handeln; etwas abstellen, einen Ball mit einem Schläger schlagen). Nicht den einen, richtigen Ton zu treffen, sondern einen ganz besonderen zu treffen oder mehrere besondere nebeneinander. Polyphonie zulassen. Sie bloß nicht zu entkörperlichen, auf Geistig-Abstraktes-Psychologisches zu reduzieren, sondern spielen, also handeln zu lassen. Das ist wohl, was wir letztlich sehen wollen: das Spiel.

von Marian Freistühler
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