Filmkritik zu FINAL STAGE von Nicolaas Schmidt
oder: Wie ich lernte den Beton zu lieben

Alles noch bläulich, alle noch schläfrig. Noch keine Sonne am Himmel, noch kaum Autos auf der Straße – schöne Stille, auch hier, wo nicht viel schön ist auf den ersten Blick: Hamburger Straße, Barmbek-Süd. Ein eingepferchtes, lang gezogenes Grundstück, auf das im zweiten Weltkrieg Bomben fielen. Jetzt steht hier ein Einkaufszentrum, die Hamburger Meile, die aus ihrer ungünstigen Grundstückform eine Tugend macht, positiv denkt, sich die längste Mall Europas nennt. Das ist ein optimistischer, superlativ-affiner Geist, der jeden, der hier jetzt schon unterwegs ist, ahnen lässt, dass heute ein geiler Tag werden kann. Denn während alles concrete Beton-Material noch im Dunkeln liegt und müde wirkt, leuchtet der digitale Werbe-Screen am Eingang der Meile oasengleich farbenfroh und zeigt ausgeschlafene Zeitgenossen an sonnigen Orten. Wer will, kann sich jetzt, auf dem Weg zur Arbeit, schon auf den Feierabend freuen. Das ist eine völlig deplatzierte Verheißung von Glück, die vielleicht gerade deshalb ihre Wirkung entfalten könnte. Je grauer, desto bunter.

Dem Ort, der unmittelbaren Umgebung der Mall widmet sich Final Stage in den folgenden Einstellungen, spürt dabei dem Rhythmus des Tages nach, befragt die brutale architektonische Präsenz im Wandel der Lichtstimmungen. Und findet dabei wunderbare, sensible Kompositionen, die keinen Zweifel daran lassen, dass wir es hier mit einem liebevollen Blick zu tun haben, der sich eben nicht damit begnügt, dass die Farbe von Beton Grau bzw. dass Grau eindeutig traurig ist. Derweil singt Chris Isaak im Soundtrack davon, seiner Liebe nicht nachgeben zu wollen, bricht einem diese Welt schlussendlich doch wieder nur das Herz. Was ich an diesem Song so mag: ich bin mir zwischendurch nicht sicher, ob Isaaks Fazit im Refrain „I don’t wanna fall in love“ oder „I wanna fall in love“ lautet. Zumindest ist das „don’t“ gerade so sanft wie das Gefühl es verlangt und die Vernunft es erlaubt. Ambivalenz also auch hier.

Am Ende dieser Sequenz schließt sich der Kreis, wir sind wieder in der ersten Einstellung angelangt und haben einen Tag an der Hamburger Straße verbracht. Der LCD-Screen strahlt noch farbenfroher als am Morgen der Müdigkeit entgegen. Seinem bunten Blinken gibt sich Final Stage jetzt tatsächlich hin, übersetzt es bildfüllend auf die ganze Leinwand, entleert es zunächst aber seines Inhalts. Was bleibt sind aggressiv zu chart-tauglicher Popmusik auf uns einblinkende Farbflächen – und tatsächlich hat diese minimalistische Reduktion uns affektierender und Aufmerksamkeit generierender Prinzipien eine Wirkung auf mich, kommt nach kontemplativem Schwelgen in Grau natürlich als starker Bruch daher und funktioniert dabei wie eine überwältigende Enthüllung: Dem Beat und den Farben kannst du nicht entkommen. Schemenhaft zwischen den Farbwechseln zu erahnen sind die Konturen zweier junger Männer – zwei Geister, die da aus dem vermeintlich freudestrahlenden Farbstrudel auf uns zukommen.

Grün friert das Bild ein, die Musik endet abrupt, es folgt der Beginn einer minimalen Narration innerhalb des Spielorts, den wir als Architektur mit Charakter (vgl. genius loci) kennengelernt haben: Ein Junge steht auf einer Brücke, schaut hinunter zu einem anderen Jungen, ruft verzweifelt nach ihm, wird vom Adressierten aber weitgehend ignoriert, maximal eines gleichgültigen Blickes bedacht. Er will zu ihm, rennt von der Brücke los, kommt aber zu spät: Der Bus fährt los, zähe, die Enttäuschung auskostende Zeitlupe – verpasst. Trauer, Regen, brutal-lauter Hamburger-Straßen-Verkehr. Der Protagonist ist jetzt allein, sein Gesicht gebadet in einer Verbindung aus Tränen und Regen, nur noch sein Shirt farbenfroh. Und so macht er sich apathisch auf den Weg in die benachbarte Hamburger Meile.

Das ist das Gegenteil eines Rückzugs der Trauer ins Private. Vielleicht ist es die Hoffnung, das umgebende Äußere wirke ein auf das Innere, wahrscheinlicher aber eine bewusste Hingabe zur Traurigkeit, die im Kontrast, im Widerspruch des Innen und Außen besonders spürbar wird. Stark muss sie sein, lässt der Protagonist doch alle erdenklichen materiellen, scheinbaren Kompensationsmöglichkeiten links und rechts liegen und bleibt stattdessen ganz bei sich. Im direkten Gegenüber wird erneut offensichtlich: deplatzierte Legebatterien materialistischer Glücksverheißungen. Zugegeben: tatsächlich deplatziert ist hier der Protagonist. Diese auf den ersten Blick eindeutig kontrastierende Anordnung von Figur und Spielort wird um die ganz wesentliche Komponente der Dauer ergänzt. Ungefähr zwölf Minuten währt die Sequenz, in der der trauernde Protagonist in dezenter Zeitlupe die gesamte Hamburger Meile durchläuft. Hier verlagert sich bald die Aufmerksamkeit vom Dargestellten auf das Darstellende, wird die Figur zum Vehikel einer Raumerfahrung, die neue, bedachte Perspektiven auf für gewöhnlich zeit-ökonomisch im Vorbeigehen nur peripher Wahrgenommenes eröffnet (denn anders als organisch entstandene Innenstädte laden Malls kaum zum umherstreifen, bummeln, stehenbleiben ein).

Darin liegt eigentlich die Traurigkeit: Nicht allzu sehr in der minimalen Narration, in der angedeuteten und enttäuschten Liebe von Figuren, die wir erst im Höhepunkt des Dramas kennenlernen, sondern in der Perspektive, die sie auf den urbanen Ort und diejenigen eröffnet, die sich hier bewegen. Traurig ist das konkrete Schicksal nur als Geste des Immergleichen, emotional verbunden fühle ich mich damit zunächst nicht, viel trauriger ist die Ahnung davon, wie ein solches Schicksal zusammenhängt mit dem Beton, den Fassaden, den Shops, Screens, Farben, Maskottchen und Versprechen. Davon, wie private Traurigkeit und öffentliche Konsumfreude einander bedingen. Dieser Effekt, die Abstraktion vom individuellen Drama zum überindividuellen Kontext ist eine Schärfenverschiebung, die sich während der außergewöhnlichen Dauer dieser Plansequenz einstellt. Final Stage macht sein konzeptionelles Interesse hier transparent – es geht nicht darum, es mit konkreter Lebenswelt, mit authentischen Figuren zu füllen sondern umgekehrt ein Konzept auf quasi-dokumentarische Alltagsrealität anzuwenden und so neue Perspektiven zu eröffnen. Scheint der Klavier-Track auf der Tonebene zu Beginn der Sequenz noch blechern aus Ambient-Lautsprechern in der Mall zu kommen, verselbstständigt sich auch diese sich immer weiter wiederholende Geste über die Dauer hinweg, schwillt, sich auf die Seite des Protagonisten schlagend, an und kann behilflich sein, den Weg zurück in die Narration zu finden.

Nach Verlassen der Mall stellt sich ein Moment der Kontemplation ein, des Blicks zurück im Sonnenuntergang, der Horizont verstellt vom Brutalismus. Die verloren geglaubte Liebe kehrt zurück, man schließt sich in die Arme – und verweilt so. Final Stage, Endstadium, letzte Bühne. Wieder vergeht viel Zeit, eine Nacht, in der der Mond immer voller wird. Von den konkreten Figuren entfernt sich der Film in dieser totalen Einstellung wieder, verordnet die zwei sich vereinenden Freunde zwischen Betonkompensationsbäumen in der Nacht, dessen urbane Geräuschkulisse sich im Off abspielt.

Das Drama, die große Geste, das Re-Enactment, überwältigende Musik und demonstrative Farben – im Grunde macht sich Final Stage einige Mechanismen der Werbebranche zunutze, die sich bekanntermaßen darin gefällt, ehemalige Avantgarden oder Trends des Bewegtbildes zu annektieren – Final Stage dreht den Spieß um. Besonders daran ist, dass er sie den ihr innewohnenden Ambivalenzen ausliefert und dabei die eigene konzeptionelle Gemachtheit transparent offenlegt. Es entsteht fast paradox eine bemerkenswerte Freiheit des Blicks und vor allem: ein besonderes Gespür für das bittersweete Großstadt-Grau.

von Marian Freistühler, 6.12.17

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